aus: Staub. Sätzlinge
aus: Meinetwegen, sagte der Stellmacher
aus: Das Herz der Flöhe
aus: Bogotá - und wenn die Dinge Leben hätten
aus: Zeitschrift "Plateau" (7 Gedichte, Februar 2013)

 

 

 

Die Schildkröte von Tamalameque, am Río Magdalena

Hinter mir, nahe am Wasser, wo kleine schwimmende Inseln mit dem großen Strom vorüber trieben, lag ein kleiner, merkwürdiger Garten. Gänzlich im Schatten gehalten durch die weit ausholenden, dicht belaubten Arme eines machtvollen Baumes, hatte er einen Zaun aus Eisendraht um sich gewickelt, besaß aber keine Türen. In seinem Inneren breiteten sich die Reste eines einstmals großen Berges aus alten, leeren Cocacoladosen aus. Der Berg war irgendwann zusammengestürzt und lag als bloßer Haufen da. Eine Schildkröte hauste in dem eingezäunten Gartenquadrat und machte sich am Blech zu schaffen.
Sie schien auf der Suche nach dem Hohen, oder Weiten, denn wieder und wieder erklomm sie den Haufen. Das Ergebnis: Es schepperte, und mehr gab es jedes Mal nicht. Es sah so aus, als sei der Schildkröte neben dem Alter eine Aussichtslosigkeit in ihren Panzer eingemauert, die aus unvordenklichen Zukunftszeiten stammte. Die Füße, der Kopf, auch der Schwanz lugten kaum unter dem Panzerkleid hervor, es war der schiere Panzer, der gegen den Berg aus Blech vorging, welcher lose wie ein Haufen Sand da lag, ohne Fundament und im Zustand wehrloser Zugänglichkeit.
Mühsam stieg die Schildkröte den Haufen hinauf, mühsam gelang ihr der Abstieg. So ging es stundenlang, mit kaum mehr wahrzunehmender Langsamkeit, doch mit umso deutlicher spürbarem Ehrgeiz, und kein gemeinsames Maß zwischen Tier und Blech wollte sich einstellen. Was war das für eine Fortbewegung, was für eine gigantische Langsamkeit, ein Sichrühren fast nur unter dem Panzer, der den Rahmen hergab für dieses seltsame Bild. Die Langsamkeit war dergestalt, dass man meinen konnte, die Schildkröte trage unter ihrem Panzer alle Positionen mit sich, die sie bei ihrem Auf und Ab schon eingenommen hatte, und womöglich alle anderen, die noch einzunehmen sie gewillt war.
Was für ein großes Wirrwarr, was für eine unmögliche Ordnung, und mehr als dass die Schildkröte vorwärts kroch, schepperte das Blech und verfiel nach allen Seiten, jedes Mal aufs neue, so als ob das Bemühen des uralten Tieres um ein Verständnis seines Auf und Ab den Berg in seinem Ursprung niederschleifen und so den Gegenstand zunichte machen müsste.
Nichts verdeutlichte so sehr den hohlen Lärm des Ganges gemeiner Dinge wie jener Haufen alter, toter Blechdosen, auf denen der Name Coca Cola allmählich verrottete und auf denen die Schildkröte, ohne zu verschnaufen, ihr Herz klopfen ließ, sodass ich es draußen hören konnte. Und diesen Haufen nahm das alte Tier mit seinem, wie es aussah, unbezwingbaren Panzer wieder und wieder in Angriff, planvoll eingeschränkt in seiner Langsamkeit, doch, um diese Mühe bestehen zu können, von schwerblütiger Unruhe unaufhörlich voran getrieben. Ein trauriges Tier von unzähligem Alter vor einem traurigen Rätsel, in einem strahlenden Land in Licht getaucht, von dann und wann warm niedergehendem Regen rein gewaschen und Labsal suchend an Pfützen, vor deren Glanz unmöglich jemand die Augen verschließt.
Eines Tages, wenn ich zurückkehre an diesen Ort, den Garten ohne Jahreszeiten, gepanzert durch Erinnerung und hart geworden wie die Schildkröte selber, mit Wissen eingemauert in den undurchlässigen Panzer, wird das Tier durch seine ungezählten Auf- und Abstiege den Haufen gänzlich eingestampft haben, und nichts von all dem wird mehr da sein, kein Haufen, kein Blech, kein Tier, kein Panzer, keine unsichtbare Schönheit, nicht einmal mehr die Stelle, an der das Ereignis vor wer weiß wie langer Zeit begonnen hatte.

 

Über Schnelligkeit

Es ist noch gar nicht lange her, dass in der Stierkampfarena Santamaria im Herzen von Bogotá ein Galopprennen gestartet wurde, das in seiner Art das Erste war. Sieger sollte dasjenige Pferd sein, das es fertigbrachte, als Letzter ins Ziel zu stürmen.
Das Rennen dauerte drei Tage und drei Nächte, und am Ende, rasierklingendünn, musste ein Zielfoto entscheiden. "Sieht es nicht aus wie auf einer griechischen Vase?", fragte einer der Zielrichter.
Auch in diesem Rennen hatte, wie in allen Pferderennen, das Pferd mit der größten Ausdauer gesiegt. Die Arena liegt im Viertel Perseverancia, das heißt ‚Ausdauer’, und es ist fast fünfhundert Jahre alt.
"Der Weg zum Erfolg ist eine Autobahn", erklärte der Jockey bei der Siegerehrung. "Die meisten werden überfahren."
"Man muss nur schnell genug rennen. Dann holt das Glück einen nicht ein", versuchte der Trainer, ihm beizupflichten.

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Eine Stunde von der Stierkampfarena entfernt, nördlich von Bogotá, liegt Ubaté, es liegt mitten in Kohlen, jenen Steinen, die voller Nacht stecken, Millionen Jahre lang begraben, und voller Macht.
Der schnellste Mann von ganz Kolumbien kam aus den Bergen von Ubaté, in jungen Jahren hatte er als Bergmann angefangen, dann stieg er auf an die frische Luft, die ihn so beflügelte, dass man ihn nach Olympia schickte.
Er lief sehr schnell, er sagte später, das Heimweh habe ihm Flügel verliehen, dermaßen schnell lief er, dass er, als man ihn anzuhalten versuchte, den ganzen Rest seines Lebens brauchte, bis er zur Ruhe kam.
Zuhause war seine Frau derweil in Schwermut verfallen. Das Haus verließ sie kaum noch, und mit schleppenden Schritten verrichtete sie die häuslichen Pflichten in ihrem bescheidenen Backsteinnest.
"Alle Geschwindigkeit", sinnierte sie, "dient ja nur dazu, schneller zum Tod zu gelangen".

 

Die Hirschin

Über die Calle Real ging ich nach Hause zurück, quer durch den letzten Teil der Nacht hindurch.
Die Stadt in der Nacht ist ein dunkel verschlossenes Mineral, das sich dem hellen Auge öffnet. In der Nacht, der unverrückbaren Nacht, empfinde ich die Stadt als ein Gehirn.
Über dem Tunneleingang zum Café San Moritz baumelte eine Sanduhr. Wohl niemand hatte sie je umgedreht, doch eine Inschrift mahnte: "Es ist schon später als du glaubst". An der Ecke schmorten die Chinesen rot glänzende Hühner, die lackiert aussahen. Sie verkauften sie mit Kopf und Krallen, denn sie glauben, dass alles einen Anfang und ein Ende haben muss.
Bei den Chinesen stand der Falschspieler. Er tat die Augen eng auf wie ein Schwein und schenkte mir keine Beachtung. Er war grau und starr und hatte ein Larvengesicht. Das Gehirn schien eingefroren und gebettet in kalten Schnee. Seine Karten waren auf der Rückseite mit unsichtbaren Einstichen, Knicken und Abrauungen markiert, die er blind ertastete. Der Falschspieler hatte sich die oberste Haut des rechten Daumens abschälen lassen. Spielte er nicht, hatte er die Kuppe mit einem Fingerhut aus Edelstahl zugedeckt. Des öfteren hatte ich ihm um die Ecke herum zugeschaut.
Auf dem Bordstein kauerte die Geliebte des Falschspielers. Sie trank braunes Zuckerwasser und schnalzte mit der Zunge. Ihre Augen waren von der Farbe einer hellen Nacht und stachen leuchtend vom Morgengrauen ab. Mit einem Ruck warf die Frau den Kopf herum und sprach mir in die Augen. Sie versprach mir ein Stück vom Tod, wenn ich mich auf ihr Spiel einlassen würde. Dann bog sie ihren Oberkörper weit zurück und stieß den Laut der Hirschin aus. Das war die Lockung.
"Komm mit", flüsterte sie, "dort unten findest du Milch und Schlaf. Und Blut."
Das rohe Angebot schüchterte meine Antwort ein. Ich nickte. Eine warme, weiche Schwerkraft steckte in meinen Gliedern und ließ mich verharren wie unter einem Bann.
Die Geliebte des Falschspielers reichte mir ihre kleine Hand, die fast ohne Knochen war und mir die Kraft aus der meinen saugte. Ein zweifaches Zittern ergriff mich, ein inneres und ein äußeres.
Der Falschspieler tat sein Gesicht von der Geliebten weg. Er kämmte sich eine Hand voll Stinkkalk in sein anthrazitenes Haar. Der Kalk band das Fett zusammen, doch stank er nur, wenn er aus einem Block heraus geschlagen wurde, um verpulvert zu werden. Plötzlich zückte der Mann ein Messer aus dem einen Bein der Hose. Er prüfte die Klinge mit dem Daumennagel, in den Kerbe an Kerbe geritzt war.
Die Hirschin nahm mich an der Hand, führte mich um die Ecke, stieg eine Kellertreppe hinunter und stieß mit dem Fuß eine morsche Eisentür auf. Sie drückte mich auf zwei grobe Planken hinunter, die über ein paar Holzkisten gelegt waren. Der enge Raum mit nichts als feuchten Wänden fesselte mich. Ich hatte Angst zu atmen. "Gib mir Küsse", bat die Hirschin, "mein Herz ist wieder hoch gekommen".
Ich drehte mich zur Seite. Sie küsste mich. Mir tat der Hinterkopf weh wie nach einem leichten Schlag. Die Hirschin sagte, der Falschspieler liebe sie. Aber er tue es nur, weil er Angst habe, ein anderer könnte es tun.
"Bring mich um", flüsterte sie, "dann musst du mich nicht lieben".
Der Bauch der Hirschin war steinhart, doch spürte ich ihre Eingeweide glucksen. Ich ergriff ihr Ohr und keuchte harte Laute hinein. Sie lachte.
"Du bist wie Wasser", presste sie heraus. "Du passt in das Flussbett, und du passt in die Überschwemmung." Dreibeinig lag ich auf den Planken. Ihre glühende Zungenzange zog mir die Haut vom Leib. Ihre war ein feuchtes Fell. Ich lag in zähem Schweiß, und Blut drang hart in Stößen vor und schob Zeiten ineinander, Zeiten, die kitzelten, und Zeiten, die quälten. Sie träufelte mir kastilische Süßigkeiten ins Ohr, dann wechselte sie in eine andere Sprache. Einmal sagte sie: "Dein Knochen tut mir weh."
Ich rang tief nach Luft, dann gab ich den Geist auf, dreibeinig lag ich auf den Planken. Die Hirschin schlug mir einen Nagel in die Stirnwand. Aber es war mein Herz, das klopfte.

 

Amos Rinconcito

Amos Rinconcito, der alte Flickschuster an der Calle 19, saß auf einem niederen Schemel, auf dem Bürgersteig, von seinem Werkzeug eingekesselt.
Immer mal wieder zog es mich zu ihm hin, weil meine uralte, fast schon prähistorische, von Sonne und Mond gänzlich ausgebleichte Reisetasche aus einstmals schwartigem Schweineleder, wie ein Mensch im Lauf der Zeit immer dünnhäutiger, am Ende fast fadenscheinig geworden war und immer wieder neue Lücher und Risse hervorgebracht hatte, so als sei das die Lösung. Einmal, kaum dass ich ihn kennengelernt hatte, reichte er mir, ohne mich dabei anzuschauen, einen Zettel:
‚Mein Name ist Amos Rinconcito, und ich schreibe jetzt etwas über ein Paar:
Der Hahn ist gespannt.
Das Huhn in großer Gefahr‘.

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Rinconcito hatte, vor vielen Jahren schon, als seine Frau noch nicht von einem Schlaganfall getroffen war, an deren Folgen sie dann binnen eines Jahres starb, seine Ehe allmählich auslaufen lassen, um seine Empfindungen, die sich an ausgesuchten Stellen oberhalb und unterhalb des Bauchnabels durch zuweilen heftiges Klopfen zu erkennen gaben, in stürmischere Fahrwasser einzuleiten.
Er hatte sich zu einem ruhigregelmäßigen Bordellbesucher gemausert. Er musste nur, wenn sich der Hunger aus jenem anderen Teil seines Wesens meldete, um noch die geringste Aussicht auf das geringste Stückchen Fleisch vorzugaukeln, ein paar Pesoscheine in der Hosentasche nachladen. Wer auf seine Kosten kommt, kommt auch auf seine Unkosten, schmunzelte er dann und war zufrieden. Er klopfte sich die Hose zurecht und ging ein paar Meter um die Ecke. Hier lockten schräge Vögelinnen, eine ganze Brut, mit dem Versprechen großer Wärme in einer günstigen Gelegenheit, ein Dutzend Feuerzungen leckte schon, und greifbar fast.
Da standen die Häuser alle nebeneinander, die ‚öffentlichen Häuser’, in Reih und Glied, residencias war ihr Titel, und sie trugen Namen, die waren halbsinnig hübsch oder von klirrendem Klang - Puertas Blancas, Fellini, Tango Apache. Auch ein Bestattungsunternehmen, Las Orquídeas, und ein düsteres Büro, in dem Beamte der staatlichen Filmzensur ihrem scharfen Handwerk nachgingen, gesellten sich in diese Reihe.
Die residencias waren heruntergekommene, einstöckige Häuser, aus denen eine Farbe von innen nach draußen herauswuchs, die es bald nicht mehr geben würde, so einmalig war sie, schäbig das Mauerwerk, schäbig das Innere, das ohne Möbel auskam, in dieser Leere hallte jeder Schuss der Besucher mit doppelter Lautstärke wider, ohne auf die Tatsache acht zu geben, dass die Munition feucht und weiß war und niemals eine Kugel.

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Der alte Flickschuster geht viel, er geht zu Fuß, grundsätzlich geht er langsam. "Das Leben soll keine Flucht sein", sagt er, mehr zu sich selber als zu anderen.
Mehrmals am Tag schleicht er an den Hauswänden der Calle 19 vorbei, der alte Königsweg nach Medellín, wie ein Igel schleicht er über die Bürgersteige, dann richten sich die Haare auf und sind wie Stachel. Er tue das, erklärt er, um nicht die Besinnung zu verlieren, denn wenn er nur eine halbe Stunde lang sitze, verliere er die Besinnung. Der Flickschuster geht in der ganzen Welt herum, das ist Bogotá für ihn, und immer geht er zu Fuß. Er sagt, er passe in kein Flugzeug, ein Flugzeug sei zu lang für ihn, zu breit.

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"Ich besitze nicht viel", sagte der Flickschuster einmal, "bin so gut wie arbeitslos jetzt, meine Frau ist vor Jahren gestorben, aber ich habe ein eigenes Leben, da gehe ich ein und aus".
Manchmal schrieb er auf, was ihm durch den Kopf ging, und da nicht mehr raus, es sollten Gedichte sein, oder etwas in dieser Art. Er schreibe, sagte er, am liebsten über Restheilige und Restheiliges.
Was das sei, fragte ich.
"Der Teufel ist ein Restheiliger", erklärte er. "Nicht weil er das Gute, sondern weil er das Böse tut."
"Ich glaube nicht an Gott", fuhr er fort, "denn der glaubt an die Menschen".
Um nach einer kurzen Pause hinzuzusetzen: "Auch bin ich froh, dass es in Bogotá keine Kamele gibt. Frag mich nicht warum, die stinken."