aus: Staub. Sätzlinge
aus: Meinetwegen, sagte der Stellmacher
aus: Das Herz der Flöhe
aus: Bogotá - und wenn die Dinge Leben hätten
aus: Zeitschrift "Plateau" (7 Gedichte, Februar 2013)

 

 

 

Malerei

Als der Maler anfing zu malen und sich seiner Kunst nicht sicher war,
malte er ein Haus und schrieb darunter: "Das ist ein Haus." Oder er malte
ein Pferd und schrieb darunter: "Das ist ein Pferd."
Als er sich später seiner Kunst sicher war, malte er eine Pfeife und schrieb
darunter: "Das ist keine Pfeife."
Der Stellmacher stand vor dem Bild und war sich gleichfalls sicher:
"Natürlich ist das eine Pfeife."
Da mischte sich seine Frau ein: "Der Maler hat keine Pfeife gemalt, er hat
ja nur ein Bild gemalt."
"Am liebsten wäre mir", erklärte der Stellmacher, "der Maler hätte nur die
Pfeife gemalt und auf das Bild verzichtet."

 

Kleine Landeskunde

Der Stellmacher gab so etwas wie eine Erklärung ab. Sie diene dazu, sagte
er, die Lage besser einzuschätzen.
"Bei Urexweiler", erklärte er, "gibt es zwei Weiler, die heißen Holz und Eisen.
Die Leute aus Holz arbeiten auf der Eisenhütte, und die Leute aus Eisen arbeiten
im Wald. Weil aber die Eisenzeit, die Hüttenzeit und die Waldzeit schon ein
paar Jahre vorbei sind und überall der Fortschritt gesiedelt hat, sind die Leute
aus Holz und aus Eisen arbeitslos."
"Mit Schmelz", fuhr der Stellmacher fort, ist es etwas anderes. Schmelz liegt
mittendrin im Land und nahe am Gefrierpunkt. Schmelz wird sich halten."

 

Aufrecht und quer

Der Stellmacher saß über seine Arbeit gebeugt und werkelte an einem
Wagenrad.
Das Rad sah einfach aus, war nur aus Holz und Eisen und brauchte keine Nägel
oder Bolzen und Leim. Von der Werkstatt aus schaute der Stellmacher in die
Welt hinaus mit ihrem pausenlosen Getriebe.
Er selber stand fest auf seinen zwei Füßen, und wenn er mit Seitbeil, Reifmesser
und Spannsäge das Holz bearbeitete, sagte er:
"Ein Baum ist normal, das normalste, was es gibt."
Der Stellmacher hegte seinen Standpunkt, und je kleiner der war, desto
gewaltiger war die Welt dort draußen.
"Das viele Fahren unterwandert den Himmel", sagte er, doch mehr zu sich selber.
"Du bist ein Quertreiber", sagten Mitmenschen zu ihm, die Mitläufer waren und
sich glichen wie ein Ei dem anderen.
"Der Quertreiber hält die Latten im Zaun zusammen", erwiderte der
Stellmacher. Und er dachte: Artige Menschen, halt ohne Eigenart.

 

Ganz Ohr

Der Stellmacher kam an einem Spielplatz vorbei, da rauften sich zwei ungleiche
Kinder.
"Hör auf!", jammerte der Schwache, der am Boden lag und sich wand und
zuckte.
Der Starke kniete über ihm und schenkte ihm kein Ohr.
"Hör auf ihn", sagte der Stellmacher zu dem Starken.
Da hörte der Starke auf.
"Er ist als erster müde geworden", keuchte der Schwache, als er wieder auf die
Beine kam.
"Der Starke hat nur eine Zeitlang recht", sagte der Stellmacher, drehte sich um
und ging.

 

Krieger und Kinder

"Du warst im Krieg, erzähl doch mal", wurde der Stellmacher von ein paar
Kindern, die Krieg spielten, gebeten.
"Wenn ich mich genau erinnern soll", räumte der Stellmacher ein, "kann es
leicht fälschlich werden."
"Egal! Egal!" drängten die Kinder, "was hast du im Krieg gemacht?"
"Das meiste nicht", hob der Stellmacher an. "Ich habe das Backobst verteidigt,
das mir die Mutter an die Front geschickt hat. Und einen Schuß habe ich
abgegeben."
"Und dann?"
"Und dann die Waffe. Aber das war später. Vorher haben sie mir die
Nahkampfspange verliehen."
"Warum? Warum?"
"Ich habe einem Russen die Hand gereicht."
"Du hast den Krieg begrüßt", sagten die Kinder.

 

Gerechtigkeit

Der Stellmacher kam in die Jahre, und das eine Bein machte ihm Sorgen.
"Das ist Altersschwäche", versuchte der Arzt ihn zu besänftigen.
"Das andere Bein ist genauso alt", entgegnete der Stellmacher.

 

Zwischen Ergebnissen

Der Stellmacher fertigte eine Liste seiner zehn Geschwister an und zählte ihre
Lebensjahre zusammen. Er kam auf 634.
Fünf Jahre später führte er die Rechnung noch einmal durch, da waren die Jahre
gewachsen, doch eine Schwester inzwischen verstorben. Jetzt kam 619 heraus.
"Ein Verlust wiegt schwerer als ein Gewinn", sagte der Stellmacher. "Aber
merkwürdig ist, dass jeder Schritt, mit dem wir dem Tod entgegengehen, ein
Schritt ist, der das Leben verlängert."

 

Auf das Ziel zu

Der Stellmacher war alt geworden und wartete auf das Ende.
Jemand hatte ihn zu einem Pferderennen eingeladen. Der Stellmacher bedankte
sich, lehnte ab und sagte:
"Ich weiß, dass ein Pferd schneller läuft als das andere.
Welches, das ist mir egal."